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Top-Klimaforscher Prof. Schellnhuber in Mülheim: „Wir haben nur noch 12 Jahre!“ & Analogie zur Sklaverei

Top-Klimaforscher Prof. Schellnhuber in Mülheim: „Wir haben nur noch 12 Jahre!“ & Analogie zur Sklaverei

Passend zum Vortrag im 178. Netzwerk Zenit e.V. Kolloquium von Prof. Schellnhuber, läuft der neue Film „Power to Change“, der die globale Energiewende beschreibt, bundesweit in den Kinos (2).

Im Kolloquium spricht Prof. Schellnhuber, einer der Top-IPCC-Klimaexperten der Welt, der nicht nur die Bundesregierung mit Kanzlerin Merkel, sondern auch Pabst Franziskus für sein Werk „Laudato Si“ wissenschaftlich beraten hat. „Früher wollte ich die Welt verbessern,“ sagt Schellnhuber, „heute will ich sie nur noch retten,“ denn „wir haben nur noch 12 Jahre Zeit“. Dann haben wir weitere 400 Milliarden Tonnen CO2 in der Atmosphäre und damit die auf dem Klimagipfel Paris COP21 gesetzte untere Schwelle von 1,5 Grad Erderhitzung überschritten. Bis zur Obergrenze 2 Grad sind es dann noch weitere 12 Jahre. Jenseits der Pariser Obergrenze von 2 Grad steigt die Wahrscheinlich stark an, dass die Kipppunkte im Klimasystem kippen, mit fatalen Folgen für die Menschheit. Schellnhuber erwähnt in diesem Zusammenhang das Abschmelzen der Polkappen, die den Meeresspiegel um 70m ansteigen lassen werden. All das beschreibt Schellnhuber in seinem Buch „Selbstverbrennung“ und weist auf die Lösung hin: 100% Erneuerbare Energien, wie in Paris beschlossen, eine Zero Emission Welt bis 2050! Solar- und Windenergie sind seit dem Jahr 2000 in der Welt bereits um 23.000% bzw. 10.000% gestiegen bei Kostendegressionen von 80%. Diese wirtschaftlich günstige Lösung ist da, wir müssen sie jetzt nur schnell umsetzen: „wir haben nur noch 12 Jahre Zeit, um unseren CO2-Kredit aufzubrauchen“ wiederholt Schellnhuber.

Ob die Überbevölkerung der Welt nicht unterschätzt wird, kommt eine Frage aus dem Publikum. Schellnhuber antwortet, das hier Effekte erst in 30-40 Jahren greifen, „das ist zu spät“ betont er „soviel Zeit haben wir nicht“, und zweitens verursachen die 1 Milliarde Menschen in überbevölkerten Entwicklungsländern nur 1% des CO2, viel wichtiger sind wir“, die 1 Milliarde „Wohlstandsmenschen“, die 50% des CO2 verursachen. Schellnhuber spricht in diesem Zusammenhang von einer neuen spirituellen Haltung, nicht besitzen, sondern teilen, eine share-economy schlägt er vor.

Wie wahrscheinlich sind diese Klimaprognosen kommt eine Frage aus dem Publikum. Der theoretische Physiker Schellnhuber erklärt, dass es in der Wissenschaft noch nie derartige Anstrengungen wie in der Klimaforschung der letzten Jahrzehnte gegeben habe. „Wenn sich mich fragen, wie wahrscheinlich das ist: 99%“, „wir haben wirklich jeden Stein umgedreht, um zu schauen, ob irgendwo noch ein Skorpion ist. Wir haben jetzt alles in den Modellen drin.“ Zudem gibt es nicht nur ein Modell, sondern weltweit etwa 20 Modelle, die unabhängig voneinander heute die Vergangenheit gut nachbilden können und den aktuellen Klimawandel bestätigen. „Jeder Arzt trifft Entscheidungen über Leben und Tod mit oft weitaus geringeren Wahrscheinlichkeiten, 40-50% zum Beispiel, und es wird trotzdem gemacht. Wir sind hierallerdings bei 99%!“, vergleicht Schellnhuber die Situation. Zudem ist das Klima nur von 2 Faktoren abhängig, von der Sonneneinstrahlung und der Kohlenstoffkonzentration in der Atmosphäre, allen voran CO2, das die Strahlung „reflektiert“ und nicht wieder in den Weltraum abstrahlt, eben der Treibhauseffekt. Ohne Atmosphäre wäre es auf der Welt im Schnitt 30 Grad kälter, und damit gäbe es kein flüssiges Wasser, keine Menschen.

Laudato Si: Schellnhuber hat den Pabst bei seiner Umweltenzyklika „Laudato si“ wissenschaflich beraten und diese dann auch der Öffentlichkeit vorgestellt. Ihm kommt die Ehre zuteil als exzellenter Wissenschaftler, als TOP-Klimaforscher, auf Lebenszeit in die Pontifikalakademie berufen worden zu sein, die den Pabst wissenschaftlich berät. Damit steht Schellnhuber, der selbst nicht Katholik ist, in einer Reihe mit Gallileo Gallilei, Werner Heisenberg und anderen Exzellenzen, wie der Gastgeber des Kolloquiums anmerkt. „Laudato si“ ist das „Gelobet sei (der Morgen)“ aus dem Sonnengedicht von Franz von Assisi, in dessen Tradition der Pabst sich sieht. Der Pabst als Chemiker verstehe wissenschaftliche Zusammenhänge, bemerkt Schellnhuber, und fordert in der Laudato Si nun zum dringenden Handeln gegen den Klimawandel auf.

Warum ist der Pabst, als moralische Instanz so  wichtig? Schellnhuber vergleicht die heutige Situation mit den großen moralischen Leistungen der Menschheit: „Wenn Sie sich anschauen, was um 1840 die Bewegung der „Abolition“, die Abschaffung der Sklaverei in den USA bewegt hat, oder die Abschaffung der Apartheit in Südafrika, sind“, zitiert Schellnhuber,immer 3 Faktoren wichtig, die berühmten 3 „D“s: Discovery, Dignity und Divestment. So wie bei der Abschaffung der Sklaverei in den USA, sieht Schellnhuber auch heute diese 3„D“s im Klimawandel: Erneuerbare Energien sind „extremely cheap“ – das ist die „Discovery“ (1). Das wir jetzt unseren Lebensstil ändern müssen ist die hochaktuelle „Dignity“, um die Ziele von Paris, eine Zero Emission Welt bis 2050 zu erreichen. Und gerade hier hat der Pabst mit der Laudato Si diese unbedingte „Dignity“ jetzt eingefordert - als moralische Instanz für Millarden von Menschen! Und schließlich „Divestment“ – das Geld aus fossilen Energien abziehen, eine Bewegung die Schellnhuber ausdrücklich unterstützt:

Es fängt in Schottland an, ein Tag im Mai im Jahre 2015 in Edinburgh, als Studenten wieder einmal protestieren und so schließlich Ihre Universität moralisch zwingen, als erste weltweit einem „Divestment“ zuzustimmen. Universitätsgelder in fossile Energien investiert, werden abgezogen. Diese story geht um die Welt (3) und ein Jahr später folgt auf diese Welle das Erdbeben: Der Norwegische Staatsfond, der größte Staatsfond der Welt, beschließt ebenfalls ein „Divestment“. Viele Prominente und Städte folgen, so auch UN-Klimabotschafter Leonardo DiCaprio, der kurz vor der Pariser COP21 Klimakonferenz publikumswirksam sein persönliches „Divestment“ bekanntgibt. Als erste Stadt in Deutschland reiht sich Münster in die „Divestment“-Bewegung ein.

1864 hat Abrahm Lincoln die Sklaverei per Gesetz abgeschafft, nach Jahrzehnten der Abolition-Bewegung. Und was passiert heute, nach 2 Jahrzehnten Klimakonferenzen? Wir befinden uns wieder in einer Bewegung, es geht um Zero Emission People - CO2frei leben, eine Zero Emission Welt bis 2050. Genau das hat die Welt im Pariser Weltklimavertrag vereinbart. Und nach „Discovery“ und „Dignity“ befinden wir uns jetzt in dieser dritten Stufe – die „Divestment“-Welle verbreitet sich weltweit.

Und wo ist mein Geld investiert? Hat nicht jeder von uns ein Bankkonto? Worauf warten wir?

Dr. Ingo Stuckmann von der Mülheimer Initiative think.zero  

 

Dieser Artikel ist veröffentlicht auf:     Let`s face it, www.zepface.it

(1) „Paris COP21, ein Selbstläufer: Extrem günstige Erneuerbare Energien“ http://www.zepface.it/index.php?option=com_djcatalog2&view=item&id=62:paris-cop21-ein-selbstlaeufer-extrem-guenstige-erneuerbare-energien&cid=7:pariscop21&Itemid=489

(2) „Der Film POWER to CHANGE“ http://www.zepface.it/index.php?option=com_djcatalog2&view=item&id=72:der-film-power-to-change&cid=10:zero-emission-people&Itemid=489

 

 

(3) „University of Edinburgh to divest from 3 major fossil fuel providers” http://www.theguardian.com/environment/2015/may/26/university-edinburgh-divest-fossil-fuel-student-protestors

 

Zur Mülheimer Initiative think.zero :

http://www.zepface.it/index.php?option=com_djcatalog2&view=item&id=69:bio-fairtrade-und-jetzt-auch-think-zero&cid=10:zero-emission-people&Itemid=489

 

 

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